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Laufbahnberatung als Gruppenprozess

von Thomas Diener

Normalweise finden Laufbahnberatungen im Zweiergespräch statt. Nach der Begrüssung sitzen sich BeraterIn und KlientIn gegenüber. Zwei Personen, ein einfaches Setting. Wer gewohnt ist, in Begriffen von Beziehung und Kommunikation zu denken und Blick und Ohr für die Hinterbühne des Geschehens hat, dem eröffnet sich ein anderes Bild. Dieser kurze Artikel stellt diese andere Sichtweise in den Vordergrund. Mit welchen Methoden am "Gruppenprozess im Hintergrund" gearbeitet wird, ist dann von der Kompetenz der BeraterInnen und den Vorlieben der KlientInnen abhängig.

Die Klientin wünscht sich Unterstützung beim Herausfinden dessen, was sie wirklich will. Zuallererst sehen wir also einen Menschen, der verunsichert ist. Warum sucht er äussere Hilfe, wenn es um sein ureigenstes Wollen geht? Warum horcht er nicht einfach in sich hinein oder folgt spontan seinen Impulsen, geht seinen Weg ohne sich gross Gedanken darüber zu machen?

Im Umbruchzeiten wird es komplizierter. Ein Teil von uns läuft einfach weiter wie gehabt. Mit Spontaneität hat das wahrscheinlich länger nichts mehr zu tun, eher mit Gewohnheit. Ein anderer Teil bemerkt die Diskrepanz und wird zunehmend ungeduldig. Neben der Klientin nimmt eine etwas träge Person Platz. Sie sagt: "Eigentlich ist es nicht so schlimm. Mein Job ist doch ganz OK, mein Beruf mache ich nach wie vor relativ gerne. Ausserdem würde eine Veränderung viel zu viel Unruhe und Aufregung in mein Leben bringen."

In der Vorstellung des Psychodramatikers beginnt sich die Praxis langsam zu füllen. Die Ausführungen der Trägen bleiben natürlich nicht unangefochten. Die Ungeduldige fährt dazwischen und zählt auf, was alles nicht mehr passt und welche guten Gründe es gibt, unzufrieden zu sein.

Die beiden streiten ein bisschen und in diesem Geschrei fällt es leicht, eine weitere Stimme zu überhören, die vielleicht nur ganz leise zu vernehmen ist: "Am liebsten würde ich ja xxx machen (Sie können die x nach Belieben mit eigenen tiefen Wünschen füllen). Warum ist diese Stimme so leise? Irgendwie wirkt sie verunsichert und etwas kindlich. Dabei scheint sie doch wesentlich zu sein?

Blenden wir zurück zum sichtbaren Setting: Die Klientin sagt: "ich habe keine Ahnung, was ich tatsächlich am liebsten tun würde." Der Berater oder die Beraterin ist ratlos.

Wir öffnen den Blick auf die Hinterbühne erneut: Eben sehen wir noch, wie das "Kind", das leise aber soeben noch vernehmbar über Sehnsüchte und ihm wichtige Werte geredet hat, hinter einer Stuhllehne verschwindet. Eine scheinbar vernünftige, jedoch vor allem mächtige Stimme hat die Kleine dazu gebracht sich zu verkrümeln. Diese sagt z.B.: "Du hast ja keine Ahnung. Das Erwerbsleben ist eine harte und rücksichtslose Welt, mit deinen naiven Vorstellungen kommst du da nicht weiter." Wir fokussieren kurz auf diese Stimme. Schnell zerfällt sie in zwei dahinterliegende Rollen. Eventuell werden jetzt Familiengeschichten aktiviert. Eine fürsorgliche Seite sagt: "ich möchte dich schützen vor den Schwierigkeiten dieser Welt. Ich habe negative Erfahrungen gemacht, die ich dir ersparen möchte." Eine verhärmte Seite sagt vielleicht: "Ich war unglücklich mit einer eigenen beruflichen Entwicklung. Vielleicht hat mir der Mut gefehlt, vielleicht war einfach die Zeit eine andere; auf jeden Fall habe ich mich damit beruhigt, dass die Welt eben so ist, wie sie ist und ich mich arrangieren muss. Wenn du jetzt aus diesem Bild ausbrichst, kommt meine Welt ins Wanken. Es ist mir lieber, du bleibst in meinem Glaubensystem unglücklich, als dass du mich dieser Verunsicherung aussetzt."

Selbst wenn wir als BeraterInnen in einem ganz konventionellen Gespräch mit den KlientInnen bleiben, im Hintergrund werden wir Zeuge eines oft dramatischen Gruppenprozesses. Auf der Hinterbühne wird natürlich kein Theaterstück mit im Voraus definierten Rollen gespielt. Die "Bühne" ist mehr ein dynamisches Feld, in dem - traumähnlich - Figuren auftretten, sich wandeln, in verschieden weitere Figuren zerfallen um dann wieder zu wenigen für den Moment bestimmende Rollen zusammenfallen. Es ist ein fliessendes Geschehen, dass wir vielleicht mit Methoden wie "Aufstellungsarbeit", "Inneres Team" usw. temporär verfestigen, um Teilaspekte besser sichtbar zu machen.

Unabhängig von der Methode wird es eine Aufgabe von uns sein, die verschiedenen Standpunkte und die dahinterliegenden Vorstellungen und Glaubenssätze behutsam herauszuarbeiten. Meist finden die Ratsuchenden dann von sich aus einen sinnvollen und gangbaren Weg. Unser Fachwissen über die Arbeitswelt kann dann ganz organisch mit in die Beratung einfliessen.

Natürlich ist das ganze Setting noch viel komplizierter als hier beschrieben. Eine neue Ebene tut sich auf, wenn wir auch die BeraterIn in den Blick nehmen. Auch sie ist nicht einfach eine Person mit einem objektiven und unparteiischen Standpunkt. Auch in ihr werden die verschiedenen Wertesystem mit den damit verbundenen Ängsten und Hoffnungen aktiv. Manchmal tauchen bei den KlientInnen Figuren auf, vor denen sich auch die BeraterInnen fürchten. Dann breitet sich womöglich eine schwer fassbare Spannung im Raum aus. Die BeraterIn driftet unbemerkt in eine der vielen Rollen im Spiel, identifiziert sich unbewusst damit und fühlt sich plötzlich in einem Standpunkt gefangen. Der Gruppenprozess kommt ins Stocken und die Beratung wird zähflüssig und anstrengend.

Ich plädiere hier nicht für eine bestimmte Methode, sondern für eine besondere, schwebende Form der Aufmerksamkeit. Dazu gehören unter anderem:

  • Neugierig und offen bleiben,
  • Zwischentöne heraushören,
  • Mimik und Gestik beobachten,
  • die Sätze daraufhin analysieren, ob sie etwas herausheben oder verschleiern,
  • Aussagen als Teil eines inneren Dialoges verstehen,
  • einen Protagonisten in Beziehung zu einem Antagonisten wahrnehmen,
  • die verschiedenen Standpunkte erkennen und ernst nehmen,
  • diese behutsam daraufhin hinterfragen, ob sie in der aktuellen Fragestellung noch sinnvoll sind,
  • Humor und Allparteilichkeit bewahren,
  • aufmerksam bleiben für seine eigenen Gefühle und Bilder.

All das und noch vieles anderes sind mögliche Hilfsmittel um den Faden der Beratung zu finden und die Knoten langsam zu entwirren. Die etwas gewöhnungsbedürftige Vorstellung, dass wir nicht nur mit einer Person, sondern einem ganzen Konglomerat von Werten und Meinungen zu tun haben und diese wie Figuren in auf einer Bühne direkt und indirekt angesprochen werden können, hilft uns dabei, den Fokus zu halten.



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FairWork GmbH, Laufbahnberatung - Coaching - Supervision, Zürich / Wien